Jugendliche2

Teil 2: Die Gründung der ersten deutschen Niederlassung 1916 in Würzburg

In der Zeit des Krieges gelangten die Salesianer auch von einer anderen Seite her nach Deutschland. 1916 wurde das erste bayerische Haus in Würzburg eröffnet. In Bayern hatte es bereits Vorgespräche in den Jahren 1908 und 1911 gegeben, aber damals sahen die staatlichen Behörden kein besonderes Bedürfnis, eine Kongregation zuzulassen, die sich im Bereich der Jugendfürsorge betätigte.

Die Stadt Würzburg war um die Jahrhundertwende stärker vom Kleingewerbe als von der Industrie geprägt. Im Jahre 1914 hatte sie 91.248 und vier Jahre später 94.671 Einwohner, darunter ein hoher Anteil an nicht Erwerbstätigen (Studenten, Ruheständler usw.). Im Krieg verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage in der Stadt. Wegen des Wegfalls von Absatzmärkten nahm die Arbeitslosigkeit zu; außerdem kam es zu einer Rationierung von Lebensmitteln. In Würzburg fanden sich Sozialdemokraten und Liberale verschiedentlich zu Wahlbündnissen gegen das Zentrum zusammen.

Kriegsnot führte zur Genehmigung

Seit 1890 bestand hier ein katholischer Verein „Lehrlingsschutz”, der seit 1901 ein Lehrlingsheim betrieb. Im Namen dieses Vereins nahm im Dezember 1915 der Domkapitular Alfred Winterstein († 1935) Kontakt mit dem Kultusministerium auf, um zu prüfen, ob das Lehrlingsheim den Salesianern anvertraut werden könne. Angesichts der Kriegsnot zeigte sich Minister Eugen von Knilling (1865–1927) bereit, einem etwaigen Gesuch des Ordens um Zulassung in Bayern zuzustimmen, wie er Winterstein am 17. Februar 1916 mitteilte:

„Zur Zeit sind in Bayern auf diesem Gebiete [der Jugendfürsorge] männliche und weibliche religiöse Genossenschaften tätig; letztere überwiegen sogar an Zahl. Bei aller Würdigung der Wirksamkeit dieser weiblichen Genossenschaften scheint jedoch ihre günstigste Einflussnahme bei der männlichen Jugend sich auf die Jahre vor Beendigung der Schulzeit zu beschränken. [...] Bei dieser Sachlage im Zusammenhalte mit dem steten Ausbaue der Fürsorge-Unternehmungen anerkenne ich nach Benehmen mit den beteiligten K[öniglichen] Staatsministerien, dass auf dem Gebiete der Fürsorge für die schulentlassene männliche Jugend in Bayern eine Lücke besteht und im Hinblick auf die Wichtigkeit der Sache auch ein Bedürfnis, sie auszufüllen durch Heranziehung einer geeigneten weiteren männlichen Genossenschaft.”

Winterstein wandte sich ebenfalls an Georg Ring, der mittlerweile als Direktor der seit 1914 in Unterwaltersdorf bei Wien bestehenden Ordensniederlassung fungierte und der sich zuvor bereits intensiv um die Salesianischen Mitarbeiter in Deutschland bemüht hatte. Schon am 25. Januar 1916 übersandte Ring dem Domkapitular Informationen über das pädagogische Konzept der Salesianer, wobei er in erster Linie die soziale Bedeutung ihrer Tätigkeit herausstellte. Als wichtigstes Anliegen der Kongregation nannte er „die Erziehung der Jugend, besonders derverlassenenundgefährdetenundjener aus den unteren Volkskreisen.” Dieser Zweck, so fuhr er fort, werde erreicht:

  1. durch Erziehung und Leitung von Tagesheimstätten für Knaben aus Arbeiterfamilien, um sie vor Verwahrlosung zu schützen
  2. durch Errichtung und Leitung von Jugendheimen für Lehrlinge und junge Arbeiter (Jugendpflege!)
  3. durch Hospize für Waisen und Fürsorgezöglinge
  4. durch Handwerkerschulen, in welchen die Zöglinge vollkommene Ausbildung in den verschiedensten Handwerken erhalten
  5. durch Unterrichtsanstalten und Erziehungspensionate

Die fast ausschließliche Betonung der sozialen Aktivitäten zugunsten von Arbeiterkindern, Lehrlingen, jungen Arbeitern, Waisen und Fürsorgezöglingen muss umso mehr auffallen, als ein Großteil der salesianischen Niederlassungen in der Donaumonarchie sich damals schwerpunktmäßig um Schüler und Studenten kümmerte. Durch diese Akzentsetzung wollte Ring zweifellos den Nutzen für den Staat betonen, den die Übernahme des Würzburger Lehrlingsheims durch die Salesianer mit sich bringen würde. Dem Schreiben Rings an Winterstein lagen außerdem nicht näher bezeichnete Broschüren von Johann Baptist Mehler sowie ein neues Werk von Leonhard Habrich bei.

Am 27. Oktober 1916 erteilte die Bayerische Staatsregierung die Genehmigung

Die nun folgenden Verhandlungen mit dem Lehrlingsverein, an denen von salesianischer Seite der Provinzial der österreichisch-ungarischen Provinz, Pietro Tirone (1875–1962), der Direktor von Wien, August Hlond, sowie der Dozent für Moraltheologie in Auschwitz und designierte Direktor von Würzburg, Franz Xaver Niedermayer, maßgeblich beteiligt waren, zogen sich aufgrund kriegsbedingter Verzögerungen noch einige Zeit hin, bis es im August 1916 zu einem Vertragsabschluss kam. Der Orden verpflichtete sich, die Leitung des Lehrlingsheimes und die Betreuung des Lehrlingsvereins, dessen Vorstand zunächst ein Weltpriester bleiben sollte, zu übernehmen. Trotz eines Einspruchs der sozialdemokratisch-liberalen Mehrheit im Stadtrat erteilte die bayerische Regierung am 27. Oktober 1916 die Genehmigung zum Aufenthalt dreier Mitbrüder in Würzburg.

Unmittelbar vor der Eröffnung der neuen Ordensniederlassung informierte Winterstein die Öffentlichkeit durch einen ausführlichen Artikel im „Fränkischen Volksblatt“ über das Kommen der Salesianer. Dabei stellte er besonders deren Bedeutung für die Jugendfürsorge heraus:

„Damit ist die Fürsorge für die schulentlassene männliche Jugend in Bayern – Dank dem Entgegenkommen der K[öniglichen] Staatsregierung – wie wir hoffen, einen bedeutenden Schritt vorwärts gekommen. Wir rechnen sicher darauf, dass die Salesianer das Vertrauen, das man in sie setzt, hier wie allerwärts, wo sie ihre Tätigkeit aufgenommen haben, rechtfertigen. Dann wird es möglich sein, den zahlreichen katholischen Erziehungsanstalten für die gefährdete oder verwahrloste männliche Jugend mit der Zeit bei der zu erhoffenden endgiltigen Zulassung der Kongregation in Bayern geschulte tüchtige Erzieher und Hilfskräfte zu stellen.”

Anfang Dezember 1916 übernahmen die drei Patres Franz Xaver Niedermayer, Karl Rohr (1886–1976) und Julius Brittinger (1885–1954) die Leitung des Würzburger Lehrlingsheims. Im Haus befanden sich zu diesem Zeitpunkt 75 Lehrlinge und 10 Mittelschüler, die während ihrer beruflichen und schulischen Ausbildung nicht bei den Eltern wohnen konnten und somit auf ein Heim angewiesen waren; im Schuljahr 1919/20 betreute man an Lehrlingen 30 Schlosser, 3 Schreiner, 2 Schuhmacher, 2 Friseure, 2 Dentisten, 2 Bildhauer, 17 Kaufleute und außerdem 12 Schüler. Unter den Jugendlichen des Heims hatten die Salesianer der vertraglichen Verpflichtung entsprechend Assistenz (”Aufsicht bei Tag und Nacht, Beobachtung der Haus- und Tagesordnung”) und religiöse Betreuung zu leisten. Daneben sollten sie sich auch um die Stellenvermittlung bemühen.

Umzug in den Burkardushof

Zur Leitung des Heims kam die Arbeit im Lehrlingsverein, dem 120 Jugendliche angehörten, und zusätzlich ab 1918 in einem zweiten Verein mit 100 Jungen im Stadtteil Grombühl. Hier ging es vor allem darum, regelmäßig nachmittägliche "Versammlungen" zu veranstalten und dabei den Teilnehmern die Möglichkeit zu Spiel, Sport und musischer Betätigung zu bieten. Vorgesehen waren auch die Führung einer Bibliothek und einer Sparkasse sowie die Abhaltung von Vorträgen für die Lehrlinge.

Da die Anfragen um Aufnahme in das Heim immer mehr wurden, mietete Direktor Niedermayer Ende 1918 in der Nachbarschaft einige Zimmer, um zusätzliche Jungen unterbringen zu können. Der Vertrag mit dem Lehrlingsverein hatte eine Klausel enthalten, wonach die Salesianer bei Vorliegen der entsprechenden kirchlichen und staatlichen Genehmigung befugt sein sollten, ein eigenes, d. h. vom Verein unabhängiges Heim zu errichten. Bereits im November 1919 verfolgte Niedermayer konkrete Pläne zum Erwerb eines Hauses. Im Mai 1920 kam es schließlich zum Kauf des „Burkardushofs“, der fortan das salesianische Heim beherbergen sollte.

Würzburg war die erste Niederlassung der Salesianer in Deutschland, die Bestand hatte und in der die sozialen und pädagogischen Ideen Don Boscos, die hier bislang vor allem durch die Literatur und die Salesianischen Mitarbeiter verbreitet worden waren, dauerhaft umgesetzt werden konnten.

 

Text: Norbert Wolff, in: Viele Wege führen nach Deutschland. Überlegungen zur salesianischen Geschichte der Jahre 1883-1922. München 2000; S. 41-45.

Der heilige Johannes Bosco
Johannes-Bosco

Johannes Bosco wurde am 16. August 1815 in der Nähe von Turin geboren. Sein berühmtes Zitat: "Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen" spiegelt die für ihn und seine erzieherische Tätigkeit kennzeichnende Grundhaltung [...]

Jetzt mehr lesen

Don Bosco auf YouTube

Wie stelle ich mir den Heiligen Geist vor? Was bedeutet mir Jesus? Wo sehe ich meinen Platz in der Kirche? Ein ganzes Wochenende lang hatten die Firmlinge des Münchner Pfarrverbands Haidhausen Zeit, sich im Aktionszentrum Benediktbeuern mit diesen Fragen zu beschäftigen. Wir durften sie mit der Kamera begleiten.

Unser YouTube-Channel

Don Bosco auf Facebook
Don Bosco Magazin
Cover 2/2017

Die Ordenszeitschrift wird von den Salesianern Don Boscos zusammen mit den Don Bosco Schwestern in Deutschland herausgegeben. Das Don Bosco Magazin erscheint alle 2 Monate. Das Magazin versteht sich als Familienmagazin und engagiert sich für die Anliegen von Kindern, Jugendlichen und Familien.

Hier bestellen

Freiwilligendienste mit Don Bosco
Don Bosco Volunteers Website 2017

Du interessierst dich für einen Freiwilligendienst bei den Salesianern Don Boscos in Deutschland oder im Ausland? Hier findest du alle wichtigen Infos, Bewerbungsmaterialien, Termine und vieles mehr.

Weitere Informationen

Prävention und Missbrauch
Präventiever Kinder- und Jugenschutz

Hier finden Sie Ansprechpartner für Opfer von sexuellem Missbrauch oder Misshandlung in Einrichtungen der Salesianer Don Boscos in Deutschland sowie ein Dossier zum Thema sowie die aktuellen Präventionsmaßnahmen in unseren Einrichtungen.
Jetzt mehr lesen

Stellenangebote
Stellenangebot_klein_bearbeitet

Sie möchten mit jungen Menschen arbeiten und dazu beitragen, dass deren Leben gelingt? Hier finden Sie alle offenen Stellen, die in der Deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos aktuell ausgeschrieben sind.

Arbeiten im Geist Don Boscos

Spenden & Helfen
Spende_Teaser

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit Ihrer Spende. Und helfen Sie mit, dass wir noch mehr Kinder und Jugendliche auf Ihrem Weg begleiten können.

Erfahren Sie hier, welche weiteren Möglichkeiten Sie haben, um zu helfen!

Jetzt Spenden